Der Silberrücken lässt sich durch unsere Anwesenheit nicht stören und macht einen sehr entspannten Eindruck.
Die flinken Nektarvögel schwirren von Blüte zu Blüte und lassen den Auslöser glühen.
Mit Gorillas auf Tuchfühlung. Was wir uns seit langem vorgenommen hatten, wird endlich wahr: wir fahren in den Regenwald zu den größten lebenden Menschenaffen.
Das Buhoma Gate
Früh am Morgen finden wir uns an der kleinen Anlage ein, wo wir sogleich von einem Guide in Militäruniform in Empfang genommen werden. Saidi weist uns Plätze zu, damit wir zunächst der Darbietung der lokalen Tanzgruppe folgen können. Sharon präsentiert im Anschluss ein Projekt der Community, das speziell den Frauen der Region zugutekommt, nicht ohne deutlich auf den Shop hinzuweisen, der sich neben der Bühne befindet.
Bwindi Impenetrable Forest
Der dichte, uralte Bergregenwald bietet Lebensraum für über 450 Gorillas.
Unser Sektor, der so groß ist wie die Fläche Münchens, ist Heimat von 4 Gorilla-Familien: Mubare, Rushegura, Habinyanja und Katwe. Diese sind natürlich ständig in Bewegung. Um zu wissen, wo sich die Tiere befinden, werden die Gruppen tagsüber von sogenannten Trackern begleitet, die dann die Positionen an die Ranger weitergeben.
Nun werden 32 Besucher mit jeweils einem Guide auf die Gruppen verteilt. Wir besuchen heute die Gorilla-Familie Rushegura mit 16 Tieren. Draußen vor der Türe tummelt sich eine geschwätzige Menge an Männern, die auf Saidis Zeichen in das Gebäude strömen und sich sofort auf die Touristen verteilen. Je nach Anzahl der Gepäckstücke bekommt jede Person ein bis zwei Träger. Man erhält überhaupt nicht erst die Chance, irgendetwas selbst zu tragen – dafür sind die Männer aus dem Dorf verantwortlich, das sei ihr Job, keine Diskussion. Und so trägt Daniel Annys Foto-Rucksack, ohne von ihrer Seite zu weichen.
Alle Teilnehmer des heutigen Abenteuers haben sich inzwischen vor der Ranger Station versammelt und organisieren den zeitigen Abmarsch und Momente später geht es schon los. Saidi fragt Anny noch mit Zweifeln im Blick, ob sie Schritt halten könne, denn die kleine Truppe sei ja schließlich flott unterwegs. Mit leichtem Gepäck sollte das ja eigentlich kein Problem sein. Und überhaupt trägt Daniel ja das meiste. Aber wir sind schon ein wenig perplex, als es dann in einem lockeren Laufschritt losgeht ...
Die kräftige Sonne lässt die Feuchtigkeit des Waldes aufsteigen und die Vegetation bricht das Sonnenlicht in die schönsten, fast greifbaren Strahlenbündel. Die Schönheit der Natur können wir jedoch kaum genießen, es geht fast im Stechschritt durchs Gelände. Der Weg ist matschig und teilweise so schlammig, dass wir bis zu den Knöcheln im Morast stehen.
Als der Weg schmaler wird, wird das Gelände wieder ein wenig fester, und uns kommen Dorfbewohner mit ihrem Kaffee entgegen. Die 25 kg schweren Säcke werden meist auf dem Kopf getragen. Mit einer derartigen Eleganz und Leichtigkeit, die einfach nicht zu erklären ist. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die Menschen, die hier durch den Urwald laufen, die saubersten Klamotten tragen.
Übrigens:
Wir erfahren, dass es zwar eine Straße bis in die nächste Ortschaft gibt, für die man jedoch knapp 5 Stunden Zeit braucht. Der Weg durch den Urwald sei mit zweieinhalb Stunden aber wesentlich schneller und besser geeignet, die Waren zu transportieren. Der Kaffee aus der Region ist sehr lecker: mild, mit wenig Säure, aber mit einem schönen ausgewogenen Geschmack. Hier wird der Kaffee sehr fein gemahlen, fast zu einem Pulver, dass sich nicht für einen Filter eignet. Dazu gibt es meistens noch einen Schluck Kuhmilch, die den Geschmack mit knapp 8 % Fett gelungen abrundet.
Aber wir lernen auch die Kehrseite des Kaffeehandels kennen. Die gut gemeinte Mehrbepreisung europäischer Kaffeemarken kommt beim Erzeuger nicht an. Fairtrade und Co. bleiben eine Illusion. Knapp acht Euro bekommt der Dorfbewohner für seinen Sack Bohnen, der Händler ungefähr 80 € pro 100 Kilo. Und dann wird dem Verbraucher bei uns vermittelt, aufgrund schlechter Ernten, gesteigerter Nachfrage, oder irgendwas mit Klimawandel wird der Kaffee teurer. Und zack – liegen wir schon bei knapp 20 € pro Kilo.
Der Chef der Familie kommt zu Besuch: der Silberrücken läuft nur wenige Zentimeter an uns vorbei. Aber für Herzrasen ist keine Zeit!
Pfiffe im Wald.
Die Macheten werden gezückt, wir sind angekommen.
Nach ungefähr 90 Minuten hören wir Pfiffe im Wald, und der ganze Tross hält an. Plötzlich werden Macheten gezückt, und wir verlassen den Waldpfad und tauchen in das Dickicht des Blätterwalds ein. Minuten später halten wir inne und entdecken einen dunklen Fleck am Waldboden. Plötzlich sehen wir zwei Augen im Fleck – ein Affe! Wir sind da!
Saidi verteilt die Teilnehmer auf seine charmante Art und Weise im Wald, er wird dabei auch sehr deutlich, wer wo genau zu stehen hat. Wir sind uns nicht so ganz sicher, ob es an ihm liegt oder an der Tatsache, dass wir uns inmitten einer Gruppe wilder Gorillas befinden. Es wird still, sogar die Träger verstummen, machen sich klein und gehen in die Hocke. Im Unterholz knackt es, hinter uns läuft ein schwangeres Weibchen an uns vorbei, um dann relativ schnell auf einen der Bäume in der Nähe zu klettern.
Wieder raschelt es hinter uns, und wir sehen einen großen Gorilla auf uns zukommen: ein Silberrücken, der Chef der Familie, läuft nur wenige Zentimeter an Micha vorbei! Völlig unaufgeregt und friedlich schaut er sich um, hat mit unserer Anwesenheit aber überhaupt kein Problem. Das Tier ist zwar riesig, aber irgendwie nicht beängstigend.
Für eine ganze Stunde können wir die Tiere nun beobachten. Wir sehen, wie die Gorillas miteinander interagieren, wir erkennen die Hierarchien innerhalb der Familie. Von irgendwo erscheint ein Jungtier und stapft mit einer bemerkenswerten Vertrautheit zum größten Tier der Gruppe, das es liebevoll in den Arm nimmt. Schlug uns das Herz gerade noch bis zum Hals, sind wir von einer Szene wie dieser sichtlich gerührt. Inzwischen dürfen wir uns auch etwas freier bewegen, natürlich im Rahmen der Möglichkeiten und im vollem Respekt gegenüber den wilden Tieren.
Der Gruppe, der wir folgen, ist ständig in Bewegung. Das dichte Blattwerk macht es nicht einfacher, richtig an die Gorillas heran zu kommen.
Alles unter Kontrolle.
Es ist einfach unglaublich, was für eine Ruhe der Silberrücken ausstrahlt. Wir Menschen sind unter seinem Blick geduldet, solange sich alle an die Spielregeln halten.
Die Tiere sind im Gebüsch verteilt und wir wechseln uns alle ab und werden von einem Gorilla zum anderen geschickt. So, dass wir nicht zu nah sind und nicht zu viele Leute gleichzeitig bei einem bestimmten Tier. Der Guide weiß relativ genau, wie nah wir ran dürfen, ohne dass die Tiere nervös werden oder sich gestört fühlen. Ab und an hören wir eine Art Brummen, mit dem sich die Tiere untereinander verständigen – und auch der Guide stimmt in die Unterhaltung mit ein.
Plötzlich hören wir ein lautes Trommeln – der Silberrücken zeigt, wer der Herr im Haus ist und klopft sich auf den Brustkorb. Wahnsinn, wie laut das ist. Aber keines der Tiere ist aggressiv, sie akzeptieren unsere Anwesenheit, ohne groß von uns Notiz zu nehmen und laufen manchmal auch bis auf ein paar Meter an uns vorbei. Wirklich beeindruckend. Die Zeit mit den Gorillas ist auf eine Stunde begrenzt, und diese Stunde wird auch sehr genau eingehalten. Also machen wir uns langsam wieder auf den Weg zurück zum Gate.
Artenschutz:
Auf der Welt gibt es nur noch knapp 800 Berggorillas in freier Wildbahn. Knapp die Hälfte aller Tiere sind im Regenwald des Kongo zu finden, wobei es die Tiere im vom Bürgerkrieg zerrissenen Land nicht sehr einfach haben, denn der Artenschutz steht dort nicht an erster Stelle. Es gibt leider viel zu viele Berichte über Gruppen von Tieren, die im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten gerieten. Der Rest der Tiere teilt sich zur Mehrheit auf die Wälder von Uganda auf und Ruanda beherbergt auch noch wenige Familien. Und wo der Mensch den Bestand nicht dezimiert, ist eben eine Seuche wie Covid für den Rückgang der Population verantwortlich.
Wir finden, der Schutz der Gorillas ist es wert, die Parks zu unterstützen, die sich für den Erhalt und Fortbestand dieser Familien einsetzen. Und ja, die Menschen Ugandas haben erkannt, dass diese Art von Tourismus viel wert sein kann und Arbeitsplätze schafft.
Mehr als 32 Erlaubnisscheine am Tag gibt es nicht, daher sind die Plätze auch schon Monate im Voraus ausgebucht. Günstig ist das Unternehmen nicht. Aber das Erlebnis ist einmalig! Und 20 % der jährlichen Einnahmen des Parks fließen zweckgebunden an die Community. Dort werden Schulen, Sportplätze, Gemeindehäuser und Brunnen gebaut oder ausgewählte Gebäude elektrifiziert.
Wir erfahren, dass die Gorillas sich in den letzten Jahren derart gut erholt haben, dass die Regierung anfängt, Wald zurück zu kaufen, um den Tieren noch mehr Platz zu gewähren. Natürlich ist es nicht einfach, weil der Mensch immer stärker in die Natur eingreift. Aber die Affen haben nur dann eine Chance, wenn der Artenschutz in den Köpfen derer angekommen ist, die unmittelbar dort wohnen.
Vogelsafari
Als wir am Nachmittag wieder die Gemächer unserer Lodge beziehen, fühlt sich unser Abenteuer einfach nur unwirklich an. 1 Stunde mitten in einer Gruppe wilder Gorillas ist einfach zu abstrakt, um es gleich verarbeiten zu können.
Den Rest des Tages verbringen auf dem Balkon unseres Bungalows und beobachten das hektische Treiben unterschiedlicher Arten von Nektarvögeln zwischen den Blüten in den Bäumen gegenüber. Zum Sundowner stoßen wir mit einem Nile auf unser großes Erlebnis des Vormittags an und lassen den Abend mit lokaler Küche mit Ziegeneintopf und Tilapia und einem Glas der 4 Cousins ausklingen.
Ganz schön flink, diese Nektarvögel, die nervös alle Blüten in der Umgebung bearbeiten. Eine richtige Aufgabe für den Fokus der Kamera.
Links und rechts der Straße.
Wir freuen uns über die schier endlose Anzahl von Fotomotiven, die sich uns neben der Straße bieten und bringen so viele Eindrücke aus dem Leben der Menschen aus Uganda mit nach Hause.
Egal wo wir uns befinden, überall pulsiert das Leben um uns herum. Die Menschen haben immer einen Grund, unterwegs zu sein.
Zurück nach Kampala.
Die großen Nationalparks liegen alle im (Süd-)Westen des Landes an den Grenzen zur Demokratischen Republik Kongo und zu Ruanda. Von dort sind es knapp 500 km nach Kampala mit zahlreichen Städten und Ortschaften am Wegesrand, mit tausenden von Menschen, die jeden Tag ihrer Arbeit nachgehen.
Und es wird alles transportiert, was man sich vorstellen kann: zu Fuß, auf dem Rad oder Moped, in Autos, Liefer-, oder Lastwagen und stets sind die Waren auf abenteuerliche Weise verzurrt und befestigt.
Und damit nicht alles komplett aus dem Ruder läuft, greift der Staat alle paar Kilometer mit strengen Kontrollen in Form von Straßensperren ein. Wobei der karge Sold der Beamten durch genauere Inspektionen hier und da aufgebessert wird – so sagt man.
In regelmäßigen Abständen wird alles kontrolliert, was sich auf der Straße bewegt. Aber in der Regel sind Touristen davon ausgenommen.
Gorilla-Tourismus ja oder nein?
Auch wir haben uns die Frage gestellt. Sollte man die Menschenaffen nicht lieber in Ruhe lassen? Am Ende muss es jeder für sich selbst entscheiden, aber Fakt ist, dass der Tourismus dafür sorgt, dass die Gorillas geschützt werden (können). Und es schafft Arbeitsplätze, zum Beispiel werden ehemalige Wilderer als Tracker ausgebildet. Aber ja, damit man die Gorillas besuchen kann, müssen sie an den Menschen gewöhnt werden, das dauert meist Jahre und bedeutet die tägliche Anwesenheit von Menschen. Trotz allem sind es wilde Tiere, sie werden weder angefüttert noch gestreichelt. Wir hatten das Gefühl, dass sehr respektvoll mit den Tieren umgegangen wird, um so wenig wie möglich in ihren natürlichen Lebensraum einzugreifen.